Sonntag, 18. Oktober 2015

Maßstäbe

Es passiert mir immer wieder: ich vergleiche mein Leben vor der Krebsdiagnose mit dem jetzigen. Gerade jetzt beim Wiedereinstieg in den Beruf drängt sich der Vergleich geradezu auf. Was ich vorher konnte, wie leicht mir einige Dinge fielen, wie langweilig ich manche Routinearbeit fand - und wie sehr mich diese jetzt fordert!

Oder jetzt, zur Buchmessezeit: ich weiß noch, wie das ist, dazuzugehören, wie es sich anfühlt, der Messemodus. Es ist anstrengend und in absehbarer Zeit einfach nicht drin.

Manchmal ist es schwer, zu sehen, wie andere weiter machen, weiter kommen, Erfolge einfahren, schon wieder schwanger sind oder Karriere machen. Und ich? Scheitere allzu oft am Alltag. Aussichten auf ein normales Leben, wie es vorher war? Pffft....

Aber ist das der richtige Maßstab, sich mit dem Ich vor der Diagnose (jung, schlank, nicht doof, schnelle Auffassungsgabe, sportlich, ihr wisst schon ;) ) zu vergleichen? Er kann nicht richtig sein, dieser Maßstab, dazu fühlt er sich viel zu niederschmetternd an.

Es ist schön, dieses Leben, das ich habe. Die kleine, lebendige Maus um mich zu haben, wie sie entdeckt, nachahmt, lernt. Die Geschwister zusammen zu erleben, die sich trotz der acht Jahre Altersunterschied total aufeinander einlassen können und sich sehr lieben. Meine Mutter einmal in der Woche bei mir zu haben (sie hilft mir im Haushalt und mit den Kindern, weil ich sonst nicht alles schaffe), mit ihr zu kochen, zu sein.
Ein paar sehr gute Freunde und diesen Mann, der mein bester Freund ist. Es ist ein gutes Leben. Was will man mehr?

Ich arbeite dran, nicht mehr zu wollen. Zumindest nicht so astronomisch viel mehr, dass es unrealistisch ist. Und mein neues, ein wenig dummes, langsameres, unförmiges Ich zu akzeptieren. Wird schon.


Kommentare:

  1. Der letzte Satz ist mindestens unvollständig, in Teilen halte ich ihn sogar für falsch.:) (Zum Beispiel, was das unförmige angeht).

    Bitte ergänze bei Deinem neuen Ich die unglaubliche Stärke, die Erfahrung, aber auch die Angst und die Dankbarkeit, die aus ihr resultiert. Du bist stark, Du bist schön, Du bist klug und Du bist am Leben. Und Du bereicherst das Leben anderer.

    Das mit den Ansprüchen kann ich mehr als nachvollziehen. Es ist so unglaublich schwierig, die Defizite zu akzeptieren und mit sich Geduld zu haben. Das wird vermutlich auch nicht einfacher. Aber vielleicht hilft es Dir, diese untere Aufzählung zumindest etwas vollständiger erscheinen zu lassen.
    Mit einem sehr herzlichen Gruß.
    Juna

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  2. Es ist vermutlich allzu menschlich, sich als nicht mehr so leistungsfähig zu fühlen, weil man nicht mehr in der Lage ist, so zu roboten, wie das die anderen Bekloppten (Tschuldigung) tagein tagaus treiben. Schreibende eingeschlossen.

    Faktisch ist aber vermutlich jedes kleine Bisschen, das du heute nicht hinkriegst, ein Zeichen für das, was du in den letzten Monaten und Jahren geleistet hast. Hast leisten müssen. Körper und Geist/Seele/Herz/Psyche (such dir das Passende raus) sind keine endlosen Ressourcen.

    Und wenn du dir die Zeit nimmst zu schauen, was du bis zu diesem Tage erreicht hast, dann wird da unterm Strich eine ganz schön großer Haufen bei rauskommen. Vermutlich sehr viel mehr als bei all denen, deren Normalität du im Moment vielleicht ein bisschen Wehmütig vermisst. Und vieles von dem, was du in deinem Leben gemeistert hast, ist der was-weiß-ich-wem sei Dank den meisten Menschen erspart geblieben.

    Selbst bei denjenigen, die dir Nahe stehen, wird daher wahrscheinlich irgendwann verblassen, was du durchgemacht und geleistet hast. Auch das ist nur menschlich. Jeder sehnt sich nach einer "Normalität", in der Leid eine möglichst kleine Rolle spielt. Deswegen ist es um so wichtiger, dass DU weißt, was alles auf deiner Habenseite steht. Und was du dafür hast leisten müssen.

    Ich habe davor jedenfalls unglaublichen Respekt. Von außen betrachtet musst du niemandem mehr beweisen, dass du dir auf der Buchmesse die Beine in den Bauch stehen kannst. Wahrscheinlich musst du dir und der Welt überhaupt gar nichts mehr beweisen. Und ja, vielleicht gehörst du tatsächlich etwas weniger zu den vielen Bekloppten (siehe oben). Aber dafür etwas mehr zu den eher wenigen, die wissen, was im Leben wirklich zählt.

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