Samstag, 25. April 2015

Emotionale Bedürftigkeit

Eineinhalb Wochen lang bin ich nun in der Kurklinik. Zeit für eine kleine Umschau.

Gedacht ist die Reha, um wieder fit zu werden. Die Leute sind von den Krebstherapien alle ziemlich fertig, z. Teil laufen sie mit Rollatoren rum (in meinem Alter!). Junge Menschen, die es kaum schaffen, 2 Kilometer zu joggen. Wenn man im Speisesaal rumguckt, wird deutlich, dass der Krebs jeden treffen kann. Junge Menschen, mittelalte, alte noch mehr, jedes Geschlecht, jegliche Hautfarbe, Nationalität, Religion (wir haben sogar ne Nonne hier), Leute, die (zusätzlich) Rheuma haben, oder blind sind, Leute mit Kindern genauso wie Kinderlose, lustige Leute, Asis, Leute im 80ies Stil, im Ethno-Look, dicke, magere, normalgewichtige, dumme und schlaue ... (Und der nächste, der behauptet, der Krebs wolle mir irgendwas sagen, den haue ich. Ganz doll.)



Wie viele davon emotional bedürftig sind, fällt mir besonders auf, weil ich dieses knuffige Baby dabei habe, dass gerne mal für irgendwelche Bedürfnisse Fremder herhalten soll. Da gibt es die Omi, die schon immer reflexartig in die Hände und die Wange vom Baby kneifen möchte. Die aber an einem echten Kontakt zum kleinen Menschen überhaupt nicht interessiert ist. Kommt her, "Püppi", kneif, kneif, kneif, geht wieder. (Natürlich habe ich ihr das inzwischen untersagt, aber alle paar Tage vergisst sie es wieder, "Püppi" ... - sie findet, ich solle nicht so empfindlich sein.)

Der Opa, der im Park neben dem Kinderwagen stehen bleibt, obwohl ich gerade mitten beim Füttern bin. Der blieb geschlagene 10 Minuten stehen, egal, wie sehr ich betonte, dass die Kleine so nicht essen könne, weil sie natürlich gucken musste, wer da ist.

Beim Warten vor dem Arztzimmer, als das Mäuschen gerade am Einschlafen war. Ich sang es in den Schlaf, in der Hoffnung, mich beim Arzt drin dann voll auf das Gespräch konzentrieren zu können. Kommt ne Omi, guckt in den Kinderwagen, sieht, dass dem Baby die Augen zufallen, hört, dass ich Schlaflieder singe - und fängt lautstark ein Gespräch an, direkt neben dem Kopf des Kindes. Bing, Baby wach.



Von den vielen lieb gemeinten Annäherungsversuchen der anderen älteren Leute unterscheiden sich diese in ihrer Bedürftigkeit. Das hat mit normaler Kommunikation nichts mehr zu tun, diese drei ignorieren völlig die Bedürfnisse des Kindes sowie meine und holen sich auf Teufel komm raus, was sie brauchen. Berührung, Aufmerksamkeit, Ansprache. 
Schlimm, dass diesen Menschen offenbar echte Aufmerksamkeit und Zuneigung fehlt und sie sich das so holen müssen. Aber auch schlimm, dass ich hier permanent in Verteidigunshaltung gehen muss. Das Essen im Speisesaal zum Beispiel fühlt sich nicht selten an wie ein Spießrutenlauf. 

(Das waren übrigens jetzt nur die alten Bedürftigen, bei den Muttis geht's auch ganz schön zur Sache, boah.)


Kommentare:

  1. Auweia, das kann man ja besonders gut brauchen... /o\
    Sende mal einfach gute Nerven weiterhin und möglichst viel Humor hinüber!
    LG Isa

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  2. Ich bin übrigens 31, hab keinen Krebs und kann bestimmt nichtmal einen Kilometer joggen ;) Dies nur am Rande. Halte durch!

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    1. Die ganz jungen Leute sind hier noch mal zehn Jahre jünger als wir. Ich glaube, wenn man sonst eher sportlich war, kann das schon sehr frustrierend sein. Ich selbst schaffe derzeit nicht mal 400 Meter. Also joggen. Wird schon noch ... :)

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  3. Fehlte diesen Menschen nur Aufmerksamkeit und Zuneigung, könnte man sie fast noch verstehen. Aber meistens mangelt es ihnen schlicht an Einfühlungsvermögen.

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  4. Ein Ort zum Erholen! Na super! Für wen bitte? Viel Kraft noch und viele ruhige Ecken für dich und deine Maus. Der Speisesaalsound hat schon gereicht um eine wage Vorstellung zu bekommen. Die geschmackvolle , liebliche Deko auch! ;) zum Glück gibt es sicher auch dort Menschen, die Herz haben und zeigen. Hoffentlich nicht nur ihr beiden!! Wünsch euch, dass die Zeit schnell rumgeht und ihr zu euren Lieben zurück könnt.

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