Donnerstag, 4. Dezember 2014

Krebs-Quartett

Zur Chemo gehen. Sechs Stockwerke hoch, rechts, wieder rechts. Es gibt drei Zimmer, zwei kleine und ein schönes, großes, helles mit Fenstern auf drei Seiten, aus denen man einen schönen Blick auf unter anderem Bäume und hübsche alte Häuser hat. 


Darin sind allerdings auch die meisten Patientenliegen. In diesem Zimmer werde ich behandelt. Während ich mich anfangs über den Ausblick freute, finde ich zwischenzeitlich die dort aufkommenden Gespräche sehr belastend. Natürlich geht es immer um den Krebs, aber warum stört mich das dort so, wenn ich doch sonst offen mit dem Thema umgehe? Es ist die Art, wie dort gesprochen wird. Die Frauen sind sich meist fremd, so dass die Gespräche auf unangenehme Art an Tiefe vermissen lassen. Es ist wie Krebsquartett: wer hat wie viele Knoten (3! 10! 23!!), wo sind überall Metastasen (Leber! Lunge! Niere!), die OP, der Operateur wird verglichen und ich frage mich, was das bringen soll. Gestern telefonierte ich mit einem klugen Mann, der Lymphkrebs hatte. Während wir uns auf sehr tiefe Weise über unsere Erfahrungen mit dem Krebs und der Therapie austauschen konnten, darüber, was das mit einem macht, wie es dem Körper alle Kraft nimmt, wie die Psyche reagiert, waren wir uns gleichzeitig sehr einig, wie schrecklich wir diese Krankenhausflurkrebsgespräche finden. Seiner Theorie nach liegt das auch an der unterschwelligen Aggressivität, die diesen Faktenaufzählungen inne wohnen: "Mir geht es viel schlechter als dir! Schau hin, wie arm ich dran bin!" 


Noch schlimmer finde ich, wenn Krebspatienten sich nicht mit ihrem Schicksal abfinden können. Ich musste mir einmal von einer über siebzigjährigen Frau anhören, dass sie den Krebs doch überhaupt nicht verdient habe, sie habe immer gesund gelebt, in Bioqualität gegessen, nie aus PET-Flaschen getrunken. Ihr Mann allerdings war nie so gut zu sich, warum habe er nicht den Krebs bekommen? Implizit schwang mit, dass sie jedem im Raum den Krebs eher zugestand, als sich selbst. Sie hatte auch überhaupt keine Probleme damit, dass mit mir eine junge, schwangere Frau betroffen war. Aber sie doch nicht! 



Leider bringt einen das kein Stück weiter. Weder die Aggressivität, das Selbst-Mitleid, noch die Nicht-Akzeptanz. Wer sein Schicksal annimmt, kann viel über sich lernen und daran wachsen. Mir ist klar, dass jede/r seinen eigenen Weg finden muss und nicht für jeden der offene Umgang mit dem Krebs machbar oder gut ist. Interessanterweise habe ich das Gefühl, dass gerade die Frauen, die ihren Krebs außerhalb der Klinik verbergen, ein besonderes Bedürfnis nach diesem "Austausch" haben. Zum Glück gibt es auch die anderen, die Kraft, Akzeptanz oder positive Energie ausstrahlen. Nur sind die meist nicht so laut.


Kommentare:

  1. Das erinnert mich total an das Buch von Miriam Pilau.
    Sie fand die Gespräche im Krankenhaus auch schrecklich und hatte manchmal das Gefühl als ob es fast ein Wettkampf ist wen es schlimmer getroffen hat.

    Nimm Dir Musik mit - ein schönes Hörspiel und lass sie einfach Reden!
    Auch wenn das sicher nicht immer leicht ist!

    Ich sende Dir ganz viel Kraft!

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  2. OH ja - schön, dass Du einen guten Telefongesprächspartner hattest, den ich sehr bewundere und gerade sehr vermisse - zumindest siene präsenz, aber ich fürchte, ich weiss, was das bedeutet. Lass dich nicht mitreißen, der Vorschlag von Working Mom klingt sehr vernünftig. Ich wünsche Dir die Kraft und weiter so viel Tapferheit und Mut.

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  3. Hehe, der Wettstreit der Kränkeren.

    Jedem Krebspatienten sei Solchenizyns Krebsstation empfohlen. Wer danach noch jammert ...

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  4. Ich bin nur froh, dass bei meinem Onkologen nur drei Patientenliegen in einem Zimmer sind. Da gab es von Anfang an nicht ganz so viele von diesen furchtbaren Gesprächen.
    Inzwischen hat sich die Sache ohnehin entschärft. Mit einer Mitpatienten habe ich mich angefreundet und wir treffen uns auch außerhalb der Praxis. Wir bekommen inzwischen automatisch den gleichen wöchentlichen Termin und unterhalten uns natürlich über alle möglichen anderen Dinge. Und nachdem wir inzwischen schon monatelang in der Praxis sind, treffen wir inzwischen sehr häufig immer wieder die selben Patienten. Dadurch ergeben sich naturgemäß inzwischen auch etwas andere Gespräche.

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  5. Treffend geschrieben! Kein bißchen arrogant.

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  6. Beim Lesen mußte ich an ein anderes Thema denken, was ähnlich in der Thematik ist und auch Frauen betrifft: schwere Zeiten bei Kindern: schlaflose Nächte ("Ich hatte 4 hintereinander, nein, ich 6!"), an endloses Stillen ("Nachts kommt mein 8MonateBub 3 mal, hier sind es 5 mal, ha, nix gegen 10 mal"). Ganz ehrlich? Ich werde bei sowas in meinen Gedanken aggressiv und denke mir ganz oft, einfach mal still sein. Hilft bestimmt ganz gut.

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  7. ich wollte ja hier noch meinen Kommentar nachreichen, den dieses hübsche blog beim ersten Versuch nicht haben wollte. Aaaaalso: Ich bin auch Team Ohrenstöpsel/ Kopfhörer. Es ist bestimmt oft schwer genug, in so einer Situation bei guter Laune zu bleiben, da muss man sich die eh schon miesen Momente, während das Chemozeug in einen reinläuft, nicht auch noch mit so ner Sülze zusätzlich schwer machen.
    Mir geht es allerdings auch oft so, dass ich gerne Anteilnahme ausdrücken oder irgendwas tröstendes sagen würde, aber nicht weiß wie, weil ich das Gefühl habe, man kann oft einfach nichts Schlaues dazu sagen, und jeder Versuch käme rüber wie purer Hohn. Daher poste ich oft nur Herzchen unter deine Beiträge (und die anderer Menschen in ähnlichen Situationen). Im Offline- Leben ist das einfacher; man kann einfach hinfahren und spontan die Kinder bespaßen, die Wäsche erledigen, einkaufen gehen; irgendwas tun, um die betroffenen Eltern zu entlasten. Übers Internet finde ich das schwieriger. Dein Päckchen, was ich dir schicken wollte, habe ich übrigens nicht vergessen; das kommt noch :)

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  8. Hallo Heike,

    Tut mir leid, dass Du diesen verdammten Krebs hast und toll, wie offen du mit dem Thema umgehst. Die Fotos sind wirklich abschreckende und machen mich traurig und ich will am liebsten trösten und weinen. Ich wünsche Dir viel Kraft, tolle Freunde und Mut zu allem was DU Dir noch vorgenommen hast.

    Und zu den Gesprächen: Wen wundert es? Das sind doch bestimmt die Gleichen, denen du auch in der Kita oder beim Einkauf oder sonst wo begegnest. Die gibt es doch überall. Einige haben halt auch Krebs. Das ist halt Pech, wenn die daraus ein Steigerungsspiel machen! Aber wenn DU mal Glück hast, sitzen mal drei lustige oder tiefsinnige Damen da. Und solange dies nicht der Fall ist, würde ich mir auch meine Kopfhörer schnappen und mein Hörbuch hören.
    Ich bin auch eher ein kommunikativer und neugieriger, mitfühlender und sensibler Mensch aber da spiele ich doch lieber (mit meinem Sohn) Dinosaurier Quartett.

    Also alles Gute für Dich und ganz liebe Grüße,
    Emilia

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