Mittwoch, 24. Dezember 2014

Eitelkeit

Zwar ändert man sich durch so eine Krankheit nicht, man lernt sich nur besser kennen, aber die Ausnahme, ihr wisst ja, die Ausnahme! Was sich verändert ist der Körper. Darf man darüber überhaupt reden? Ist es nicht das wichtigste, wieder gesund zu werden, der Rest vernachlässigbar? Ist Eitelkeit nicht ohnehin was für doofe, oberflächliche Menschen? Muss man nicht dankbar sein? Pfft, muss ja keiner lesen, nä?

Haare ab, schnipp schnapp
Eine der härtesten Nummern für mich: sich von den Haaren verabschieden. Sie bzw. ihre Abwesenheit verändern ein Gesicht ungemein. Eine Frisur ist Ausdruck dessen wer wir sind oder sein wollen. Verdammt, auf diese langen Haare hatte ich jahrelang hingearbeitet. Alles auf Null. Man kann es positiv sehen. Man kann mal was verrücktes ausprobieren, wooohoo, ne Glatze. Hätt ich mich sonst sicher auch nicht getraut. Die Zeitersparnis im Bad. Und klar, es gibt die Möglichkeit, ne Perrücke zu tragen. Aber das wäre mir wie schauspielern vorgekommen. Es ist, wie es ist. Es ist krass, aber so ist der Krebs ja auch. Die Glatze macht den Krebs sichtbar und das soll sie auch. Verstecken mag ich mich nicht. 

Exkurs: Haarausfall während der Chemotherapie
Da gibt es ja alle Varianten: von nix bis alles. Und, ehrlich: wenn alles ausfällt kann man sich wenigstens diese Rasiererei sparen. Aber nö, nicht bei mir. Es geht mit Haarwurzelschmerzen los, dann fallen sie. Mal büschelweise, mal einzeln. Ständig kitzelt eins von diesen Monstern irgendwo auf der Haut, essen und kochen geht nur nach Kämmsession überm Waschbecken. Aufwachen im plüschigen Eigenhaarkissenbezug. Irgendwann nervt es entweder so sehr oder sieht mit den kahlen Stellen einfach schlimm aus, dann muss der Rasierer her. Und weil's so schön war, wiederholt sich das über die Zeit, schubweise. Dann ist der Nervfaktor durch fallende Haare kleiner, weil die so kurz sind, dafür juckt das dann ganz scheußlich auf der Kopfhaut.
Die schönste Erklärung, weshalb die Haare ausfallen, gibt's übrigens vom Chemokasper. Der hilft nämlich gegen Krebs, verliert aber immer mal seine Brille - blind wie die Nacht, da kann man sich schon mal verirren, nicht? Den ganzen Spaß in Farbe, eigentlich für Kinder, aber auch für Erwachsene toll: http://cms.onlinebase.nl/userfiles/c1icccpo/file/book_medinfo_ChemoCasper_German.pdf 

Narben, schöne dicke Narben!
Die Narbe vom Einsetzen des Ports (das ist dieses Nubsi unter der Haut beim Schlüsselbein, über das die Chemo direkt in die Vene zur Verteilerstation Herz läuft). Die Narbe an der Brust vom Entnehmen des Tumors. Man musste etwas großzügiger schneiden, um keines der Milchgefäße zu verletzen. Die Schwangerschaft war für die Wundheilung in der Brust sicher auch nicht förderlich. All die Prozesse, die in der schwangeren Brust ablaufen. Da explodiert alles und in der Mitte eine große Wunde. Abgesehen davon neige ich wohl zu wulstiger Narbenbildung. Isso. Und nein, toll finde ich das nicht. Je nun. 

Cortison satt
Das ist das, worunter ich (von den genannten Äußerlichkeiten) gerade am meisten leide. Das Cortison, von dem ich wegen der Allergie extra viel kriege, schwemmt ultra auf und macht viel Hunger. Ich habe eingeschwollene Schweinsäuglein in einem dicken Pfannkuchengesicht. Ich nehme immer mehr zu. Say hello to the Hässlichkeit. Ja, es ist absehbar. Und ja, es gibt schlimmere Nebenwirkungen. Die ich auch fast alle habe. Aber menno. Ich mag mich nicht mehr sehen. Mich am liebsten keinem anderen zumuten. Bin das ich?

Kommentare:

  1. Ich kann Dich sehr gut verstehen. Die fiese Krankheit und dann wird man auch noch häßlich. Das ist zuviel.

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  2. Klar bist Du das und darüber schimpfen ist gut. Wer nicht schimpft lebt nicht.
    Wenn Du dann noch ein weiteres Mal in den Spiegel guckst wirst Du Perspektiven und Details erkennen, die immer noch wunderschön aussehen. Das bist Du auch.
    Dein Blog sagt, ich bin anonym, aber ich bin @Griesgram999

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  3. Das kann ich sehr gut verstehen und nachvollziehen. Man nimmt ja am eigenen Körper jeden Millimeter überproportional wahr. Das lustige ist aber, dass Du für Menschen, die Dich mögen und lieben, immer ein schöner Mensch bist und bleibst.

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  4. So lange Du Gefühle zu Dir hast, ist Dir das Alles nicht egal. Du LEBST noch!
    Es ist ätzend und das darfst Du auch sagen. In dem Fall helfen Worte von gesichtslosen Menschen aus dem Netzt sicher auch nicht viel.
    Die Schönheit kommt (in Deinen Augen ) vielleicht zurück wenn es Dir körperlich wieder besser geht?
    Ganz liebe Grüße
    Susr

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