Montag, 2. Juni 2014

Die kurze und die lange Antwort auf die schwierige Frage nach dem Befinden.

Wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, bin ich zunehmend ratlos, was ich sagen soll. Hier einmal die lange Antwort (die kurze lautet: mir geht’s erstaunlich gut). Vielleicht gebt ihr mir einen Hinweis, was davon euch eigentlich interessiert. Oder vielleicht reicht es, einmal die lange Antwort zu geben und dann können wir wieder über anderes sprechen? Oder Quatsch machen? Bin gespannt…

Wie es mir geht ist ja zunehmend eine Medaille mit zwei Seiten. Auf der einen Seite, die meistens im Schatten liegt: meine Lebensqualität ist inzwischen komplett anders als noch vor ein paar Monaten.


Ich kann vieles nicht essen, entweder wegen der Chemo oder wegen der Schwangerschaft. Ich kann einiges nicht trinken. Ich kann tagsüber praktisch
würde ja drin bleiben, aber der Parasol will raus!
nicht raus, weil ich die Sonne meiden muss. Letzteres geht nicht immer, rächt sich aber sofort. Trotz Lichtschutzfaktor 50+ bekomme ich Sonnenbrand und Altersflecken und das, obwohl ich schon nur mehr vermummt raus gehe. Mir fehlt das warme Gefühl der Sonne auf der Haut. Warm Duschen war kurze Zeit für mich ein Ersatz, aber das trocknet die ohnehin strapazierte Haut aus, das geht also auch nicht.
Ich kann nicht mehr an irgendwelchen Veranstaltungen mit mehreren Menschen teilnehmen, schon gar nicht indoor. Weil, wenn ich mich mit irgendwas anstecke, krank werde, was wegen der herabgesetzten Immunabwehr rasend schnell passiert, ist das nicht nur schlecht behandelbar (wegen der Schwangerschaft), sondern kann immer auch dem Kind schaden, z.B. Wehen auslösen etc., oder den Chemorhythmus verzögern (was den Krebs freut).
Ich habe keine Kraft mehr, meinen Alltag alleine zu bewältigen. An guten Tagen erledige ich kleine Aufgaben, einen Termin beim Arzt oder im Krankenhaus oder kann besucht werden, an den anderen bin ich abends so entkräftet von einem Tag mit winzigen Anstrengungen, dass ich meinem eigenen Kind gegenüber nur mehr entnervt reagieren kann.
Wenn ich in den Spiegel gucke, erschrecke ich nicht selten (täglich!). Es sind nicht nur die fehlenden Haare (gewöhnt man sich jemals daran?), auch Hautirritationen, die ausfallenden Wimpern und Augenbrauen, insgesamt krankes Aussehen, Narben, die schlecht bis nicht verheilen (die Chemo soll ja schließlich die Zellteilung stoppen) und zu allem das Wissen: das ist erst der Anfang. Wenn ich daran denke, noch vor wenigen Monaten in Pumps und mit langen, blonden Haaren herumgelaufen, unter Menschen gewesen zu sein, zu flirten, dann, ja, da fehlt jetzt ein Stück Lebensqualität.
Die Arbeit fehlt mir. Weil sie mir Spaß gemacht hat, weil es für mich sinnhaft war, weil es einfacher ist, sich über das zu definieren, was man tut, als nichts tun zu können. Es fehlen mir die Kolleginnen, das Miteinander, einer sein von vielen. Heute bin ich Freak, werde u.U. angestarrt, begegne Ängsten und Misstrauen aufgrund meines Aussehens. Manchmal bin ich „die mit dem Krebs“ oder „die Schwangere mit dem Krebs“, als wäre ich nicht immer noch einfach die Heike.

Diese Seite liegt zu recht im Schatten. Was nutzt es, sich jeden Tag darauf zu konzentrieren, was gerade alles nicht ist, was nicht geht? Ich verdränge das nicht, dies alles ist immer auch da, aber ich kann schließlich selbst entscheiden, wohin ich schaue.


Kein rohes Obst? Egal, ich wasche halt gründlichst
Die Seite der Medaille, die oben liegt: es geht mir erstaunlich gut. Ich habe nahezu keine Schmerzen, die Nebenwirkungen sind alle erträglich. Ich entdecke so viel Neues! Es sind die kleinen Dinge, die man zu genießen lernt, so wie die Gesichtspflege am Morgen, die zur Seelen-Streicheleinheit wird. Oder ein gutes Gespräch. Ich lerne das, was ich habe, zu schätzen.
Der Sohn, der ins Freundebuch seines Kumpels schreibt, das Beste, was er in letzter Zeit erlebt habe, seien seine Mama und sein Papa. Der mir morgens sagt, ich sei schön. Für den ich einfach ok bin, so, wie ich bin.
Mein Mann (höhö, noch immer ungewohnt, "mein Mann" zu sagen), der mir eine Liebe zeigt, wie ich sie nicht für möglich gehalten hätte. Sie ist jetzt nicht nur sehr viel sichtbarer, als in einem normalen Alltag, sie dringt auch in Bereiche vor, die ich nicht kannte.
Die Familie, die für mich am Start ist, die sich um mich sorgt und kümmert, wo jeder seinen Teil dazu beiträgt, mich zu entlasten oder für mich da zu sein. Wer hat schon die Gelegenheit, so oft und so intensiv zu spüren, wie sehr er geliebt wird?
Da ist der Zusammenhalt im engsten Freundeskreis oder auch hier im Dorf, eine Dorfgemeinschaft übrigens, die mir noch kein einziges Mal das Gefühl gegeben hat, nicht akzeptiert, oder eine Belastung zu sein. Hier starren die Leute auch nicht, sondern fragen herzenswarm nach.
Da ist eine wachsende digitale Familie, die mir das soziale Miteinander gibt, das ich brauche, bei aller Isolation aus gesundheitlichen Gründen.
Alles in allem ist es eine Zeit, um zu wachsen. Wer so wenig Kraft hat, überlegt sich genau, wohinein er sie investiert. Ich spüre derzeit sehr gut, was ich brauche und was nicht. Es ist nicht immer leicht, über den Dingen zu stehen, unwichtiges nicht wichtig zu nehmen, sich nicht unnötig zu ärgern, sich von anstrengendem loszusagen. Es ist ein Prozess, ein Weg, den ich Schritt für Schritt gehe. Es gibt viele glückliche Momente dabei, neben der Verzweiflung, dem Jammertal, das es auch gibt. Es ist, vielleicht, nicht ein Schicksalsschlag, sondern eine Chance auf etwas Neues.


Kommentare:

  1. Ich wünsche Dir viel Mut, Kraft und Zuversicht!

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  2. Lass mich dir mit einem Tweet antworten:

    Manchmal fühle ich, als ob die Welt nur noch aus Regenbogen in Grautönen bestehen würde. Dann lacht meine Tochter Farben in meine Gedanken.

    https://twitter.com/Moltroff/status/425370109260365824

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  3. Danke liebe Heike, dass wir per Twitter und per Blog (schön, dass du Zeit und Kraft findest, hier zu schreiben) an beiden Seiten der Heike-Medaille teilhaben dürfen ... und jetzt können wir gerne wieder Quatsch machen :-)

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  4. Hallo Heike, meinen größten Respekt, wie du alles meisterst und dann auch noch darüber schreiben kannst. Ich kann teilweise nachvollziehen, was in dir vorgeht. Deine Worte bringen in mir vieles zum Vorschein, was ich vergessen, verdrängt hatte und, ganz ehrlich, auch nicht mehr erleben will. Wir kennen uns nicht, aber sei umarmt und ich wünsche dir alle Kraft.

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  5. Danke für den schönen Artikel und ich wünsch dir ganz viel Kraft, dass du das alles gut überstehst. Es ist immer wieder schön, dich auf Twitter zu sehen. Ich (wie der Rest der Spektrümer ganz sicher auch) denk oft an dich.

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