Sonntag, 22. Mai 2011

Über die Wahrheitssuche und warum so viele Menschen unterwegs aufgeben

"Lügen ist anstrengender, als die Wahrheit zu sagen", sagt Dr. Matthias Gamer vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. Die Wahrheit muss regelrecht unterdrückt werden, um zu lügen. 
Für die (kindliche) Entwicklung ist lügen sogar wichtig. Aber wie ist die richtige Dosis? Und was ist mit der dahinter stehenden Absicht?
Laut Statistik lügt der Mensch bis zu 200 Mal am Tag, die Amerikaner ermittelten sogar nur 50 Mal. Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Natürlich kommt es darauf an, was man als Lüge wertet. Ist es schon gelogen, wenn mir jemand einen schönen Tag wünscht, obwohl es ihn einen Dreck interessiert, ob mein Tag schön, mittel oder total daneben ist? 

Mir geht es nicht um nichtigen small talk. 
 
Wiederum laut Statistik befreunden wir uns in unserem Leben mit etwa 150 Menschen. Viel mehr gibt unser Nervensystem nicht her. Da wir in unserem Leben aber etwa 2000 Menschen mit Namen kennen lernen und mit noch viel mehr Menschen in unserem Alltag konfrontiert sind, wäre es unmenschlich, zu verlangen, dass mir jeder wichtig genug ist, um ihm von Herzen einen schönen Tag zu wünschen. Zwar ein schöner Gedanke, aber eine Überforderung. Höflichkeitsfloskeln sind absolut in Ordnung und keiner muss sich geißeln, weil nicht jeder Gruß vor Wahrheit trieft. 

Auch optische Lügen sind mir gleich. Wer seine Haare färbt, ins Solarium geht, an sich rumoperieren lässt, sich die Zähne richten lässt, sich rasiert, oder sonstwie verändert – der gleicht sich vielleicht einfach seinem wahren, gefühlten Ich an. Mir geht es mehr um wahre Worte. Mir geht es um Lügen, bei denen es um etwas geht. Lügen in Beziehungen zu anderen Menschen.

Wahrheit ist ein hohes Gut.

Nicht umsonst ist der „wahre Freund“ sprichwörtlich. Weil es nicht so viele davon gibt. Und das, mit Verlaub, ist doch bescheuert. Was um alles in der Welt haben wir denn davon, wenn wir uns gegenseitig vormachen, uns um unserer selbst willen wichtig zu sein? Wir vergeuden unsere Zeit, indem wir uns gegenseitig instrumentalisieren, manipulieren, uns benutzen.

Viele Lügen kommen daher, dass wir uns selbst etwas vormachen. Gelebte Wahrheit ist authentisch zu sein. Was habe ich denn davon, eine Lüge zu leben? 

Ich stelle mir vor, wie es ist, wenn wir alle einmal auf dem Sterbebett liegen. Jeder einzeln, jeder für sich. Die manipulierten Massen, sie sind nicht mehr da. Will ich dann denken müssen: Mist, das war ja gar nicht, was ich wollte, in „meinem“ Leben? Ich habe zwar viel erreicht, aber war nie ich selbst!

Meist lügen wir aus Angst und, um uns den Alltag angenehmer zu machen, eine Art Alltags-Opportunismus. Meine These ist, dass wir uns den Alltag damit schwerer machen. Wer klar in seinen Aussagen ist, sich selbst nicht belügt, anderen nichts vormacht, muss sich auch nicht täglich mehr verstricken in lauter unnötigem Zeugs.

Eure Lügen interessieren mich nicht. Ich will eure Wahrheit!

Es ist nicht so, dass ich Schwierigkeiten mit dem Lesen zwischen den Zeilen habe, im Gegenteil. Ich merke durchaus (na gut, meistens) wenn jemand „ja“ sagt und „nein“ meint. Aber mal ehrlich: es nervt! Ich will meine Zeit nicht mit soviel Lügen vertun. Dazu ist das Leben viel zu wichtig. 

CFalk  / pixelio.de

Wir haben nur ein Leben, widmen wir es doch lieber gleich den wichtigen Dingen, als erst durch einen Dschungel von Unwahrheiten mühsam zu ihnen vordringen zu müssen. Schwierigkeiten gibt es dann immer noch genug dadurch, dass es so viele Wahrheiten gibt.

Und hey: keiner ist vor Lügen gefeit, ich natürlich auch nicht. Es gibt Grauzonen, z.B., wenn ich nicht die ganze Wahrheit erzähle, indem ich etwas verschweige. Ehrlich sein kann verdammt schwer sein. Wahrheit ist ein Weg, der nie endet. 


Kommentare:

  1. Stimmt ehrlich sein kann verdammt schwer sein ... aber so ist halt das Leben, nicht was alles leicht ist ist gut.
    Also nun mal in Wahrheit ... ich finde es ganz dufte, dass ich Dich kenne.
    Liebe Grüsse Dani

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  2. Liebe Heike, ich habe gerade erst Deinen Blog entdeckt. Klug, nachdenklich, berührend. Danke!

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  3. ihr lieben - danke! eigentlich wollte ich ja nur mal verschiedene blogformate ausprobieren ;)

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  4. Danke für diesen ehrlichen Beitrag! Mit diesen und ähnlichen Gedanken trage ich mich auch schon lange herum. Der "Alltagsopportunismus" ist eine sehr schlimme Sache: Man bleibt sich selbst nicht treu. Nehmen wir mal die Partnerschaft/Ehe/...: Wer bleibt in einer solchen Zweierkonstellation er selbst, mit all seinen Wünschen? Sagt man hier immer die Wahrheit? Oder werden bestimmte Dinge verschwiegen, geschönt, verändert, damit die "heile Welt" der Partnerschaft aufrecht erhalten bleibt? Wer sagt schon: "Hey, Schatz, viel Spaß heute abend bei deinem Mädelsabend. Ich schaue mir in der Zwischenzeit einen Internet-Porno an..."? oder "Mannomann, mit deiner Freundin Annette würde ich ja gerne mal in die Kiste..." :-). Wie viel an aufrichtigen, ehrlichen Beziehungen ist denn "Märchen"?
    http://cspannagel.wordpress.com/2011/05/08/marchen-und-beziehungen/

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  5. Irgendwie scheint das Thema "Ehrlichkeit" und "Aufrichtigkeit" gerade viele Menschen zu beschäftigen. Gerade bin ich über einen ähnlichen Artikel bei Skippy gestolpert:
    http://skippyamrhein.wordpress.com/2011/05/22/wasser-predigen-wein-trinken/

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  6. lieber christian, ich stimme zu: beziehungen können wahre minenfelder sein - danke für deinen wunderbaren blogbeitrag!

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  7. Danke für den Blogartikel, der zum mich zum Nachdenken anregt. Viele deiner Aussagen würde ich sofort intuitiv zustimmen, wenn da nicht die mahnende innere Stimme wäre, die mich dazu auffordert, doch erst einmal darüber nachzudenken.
    Dein Begriff des Alltags-Opportunismus hat glücklicherweise ein großes Fragezeichen, heraufbeschworen. (reine Zustimmung, wäre ja sehr kommunikationslos ;))
    Ich beobachte immer wieder, dass ich eben nicht weiß, was die Alltags-Wahrheit ist. Was ich an mir beobachten kann, sind verschiedene Stimmungen, welche ich weiterhin als Perspektiven bezeichnen möchte. Ich finde es interessant, dass ein und derselbe Fakt unterschiedl. Auswirkungen und Wahrnehmungen je nach Perspektive auslösen können.
    Vielleicht würdest du jetzt ausschließlich den Fakt in einem Gespräch einfordern. Doch selbst wie es zu diesem Fakt gekommen ist, ist schon wieder der Perspektive unterworfen und wie es damit weitergehen kann ist ebenso schon wieder perspektivisch. Werden Perspektiven übertrieben, dann stimme ich dir zu, dass man sich selbst belügt und den Alltag damit schwerer macht.
    Des Weiteren glaube ich auch, eine Diskussion über den reinen Fakt kann es nicht geben. Der ist ja da und das Gespräch wäre schnell beendet.

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  8. @gophi
    weißt du, mehr wollte ich ja gar nicht, als einmal zum nachdenken anregen. die eine wahrheit gibt es ohnehin nicht und - wie gesagt - es ist ein prozess. und möglicherweise verträgt sich unsere ganz persönliche wahrheit manchmal so gar nicht mit gesellschaftlichen normen - dann wirds richtig schwierig...
    ich steh jetzt auch ehrlich gesagt nicht auf wahrheitsfanatiker - das wäre übertrieben. aber die suche nach wahrheit und authentizität finde ich stets eine lohnenswerte sache.

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  9. Es geht doch nicht um die objektive Wahrheit (die gibt's nicht; hab gerade per Twitter-DMs eine Diskussion darüber :-)). Es geht doch vielmehr darum, dass man nicht das Gegenteil von dem sagt, was man denkt. Es geht darum, die eigene subjektive Wahrheit zu äußern, zu vertreten und gegebenfalls durch den daraus entstehenden Austausch anzupassen. Es geht nicht um Wahrheit, sondern um Wahrhaftigkeit.

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  10. Ach, die Crux mit der Wahrheit. Wie viel Wahrheit verträgt der Mensch überhaupt? Jedenfalls ein Thema, an dem man länger knabbern kann. Gut so.

    Hübscher blog, Frau Heike. Respekt :)

    Richard

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  11. Ich verstehe in diesem Zusammenhang "Wahrheit" vor allem als eine gewisse Treue zu sich und der eigenen Haltung, ohne letztere nicht auch regelmäßig einer Prüfung zu unterziehen.
    "Wahrhaftigkeit" träfe es für mich auch mehr. Und diese (und damit sich) den anderen zuzumuten und zu ermutigen, es gleichzutun.

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  12. da schreibe ich viele, viele worte und die Wibke formuliert eigentlich alles, was ich sagen wollte in 3 knappen sätzen - chapeau!
    p.s.: und von mir aus also auch "wahrhaftigkeit" ;)

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