Dienstag, 3. April 2018

Vor vier Jahren: Krebsdiagnose

Ich ging ein bisschen früher von der Arbeit nachhause. Es war der 1. April 2014 und ich erwartete einen Anruf der Klinik mit den Biopsie-Befunden. Man hatte mir wenige Tage zuvor bei der Biopsie versichert, dass der Knoten in meiner Brust laut Ultraschall mit 97%er Sicherheit völlig harmlos sei. Ob ich die Biopsie überhaupt machen wolle? (ich wollte)
Die Ärztin rief recht spät an. (Ich nehme an, es gibt angenehmere Pflichten, als Schwangeren zu sagen, dass sie Krebs haben). Sie habe leider keine guten Nachrichten, meinte sie, der Tumor sei bösartig. Ich solle doch am kommenden Morgen gleich um 8 zur weiteren Besprechung in die Klinik kommen.Ich weiß noch, dass ich wiederholt fragte: was ist mit dem Kind? Was ist mit dem Kind in meinem Bauch? Wird es überleben? Die Ärztin antwortete ausweichend. Später erfuhr ich, dass sie mit meiner Frauenärztin telefoniert und zur Abtreibung geraten hatte. 


Der nächste Morgen, meine beste Freundin kam direkt vom Nachtdienst dazu, mein Mann fest an meiner Seite, wie seither immer. Für die sinnvollen Fragen war (und ist bis heute) meine beste Freundin, selbst Ärztin zuständig, während ich beim Thema "die Haare werden bei der Chemo ausfallen" und "Sie werden nicht stillen können" haltlos in Tränen ausbrach. Aus heutiger Sicht bin ich beeindruckt, wie wenig das Thema "Tod" mich damals beschäftigte - obwohl die Gefahr ja sehr real und der Tumor von der übleren Sorte war. Diese Angst kam erst viel später. Anscheinend ist es einfacher, erst mal über die kleinen Dinge zu verzweifeln, wie die ausfallenden Haare oder das nicht stillen dürfen.
Und dann sind wir Kaffee trinken gegangen, meine Freundin, der Mann und ich. Alles sacken lassen.

Montag, 13. November 2017

Back on track (danke, Körper)

Vor knapp drei Jahren konnte ich kaum 10 Minuten am Stück laufen. Ich war sehr froh um den Kinderwagen, auf den ich mich unauffällig aufstützen konnte. Die Chemo hat mich ziemlich platt gemacht.
Heute. Heute war ich beim jährlichen Kardiologentermin und habe beim Belastungs-EKG die Erwartungen (aufgrund von Alter und Gewicht) mal locker übertroffen. Meine Leistung lag nicht bei 100 %, sondern bei 115, ha!
Danke an meine Freundinnen Katrin und Henni, die mich wieder auf Trab gebracht haben. Danke, Körper. Gutes Gefühl.


Dienstag, 13. Juni 2017

I'm me again

Nach 3 Jahren fühle ich mich endlich wieder wie ich. Die Krebstherapie hatte meinen Körper ziemlich verändert. Da war die Gewichtszunahme durch Wassereinlagerungen aufgrund des Kortisons (das ich wegen Allergie auf die Chemo reichlich brauchte. Und, übrigens, danke Kortison, ohne dich wär's gar nicht gegangen <3). Die Gewichtszunahme durch den durch das Medikament gesteigerten Appetit, auch die Schwangerschaft, das alles hat mit meinem Körper Dinge gemacht, die dazu führten, dass ich mich nicht wie ich fühlte. Mehr so wie im Körper einer anderen. Weil, hallo? Habe ich etwa einen Stiernacken? Ja, ich hatte einen, aber der konnte doch unmöglich zu mir gehören! Und auch die Fussel auf dem Kopf, die nach der Chemo wuchsen sahen mehr so nach Meerschweinchen aus als nach Heike. Danach: Kurzhaarfrisur? Iiiich? Alles höchst seltsam. Aber jetzt! Jetzt bin ich wieder ich und sehe auch so aus und das ist ziemlich gut.

Heute morgen. Schon toll, dass man nach der ganzen Badprozedur und Make-up und so immer noch aussehen kann, als käme man grade direkt aus dem Bett. Wer hat das eigentlich erfunden, hm?





Sonntag, 8. Januar 2017

Bella Germania

Eine deutsch-italienische Familiengeschichte über drei Generationen - sehr spannend und gut recherchiert. Der Stil total schnörkellos, als wäre Sprache nur Mittel zum Zweck. Das hat mich irritiert, bis zur letzten Seite. Dann las ich, dass der Autor, Daniel Speck, sonst Drehbücher schreibt und das erklärt auch, weshalb er es so gut schafft, Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Ein gutes Buch mit einem wichtigen Stück deutsch-italienischer Geschichte, das sich quasi am Stück weglesen lässt. Aber wer von Sprache verzaubert werden möchte, bleibt enttäuscht. Hier verzaubert die Geschichte, der Inhalt und die Bilder, die dabei entstehen.


Samstag, 16. April 2016

Die Löffeltheorie

Als ich letztes Wochenende nach Köln fuhr, war das auch eine Reise aus meinem Paralleluniversum heraus. Wie ich sonst so jeden Tag herumlebe, merke ich ja gar nicht mehr, dass mein Leben gar kein normales ist. Mit anderen Leben dort in Köln konfrontiert, wurde es plötzlich wieder sichtbar: ich habe einfach weniger Löffel als gesunde Menschen. 
Es gibt nämlich eine ganz wunderbare Theorie, die Spoon Theory, mit der eine an Lupus Erkrankte ihrer Freundin erklärt, wie es ist, krank zu sein. Es lohnt sich, den Artikel im Original zu lesen, aber für hier und jetzt fasse ich es euch kurz zusammen: die Analogie entstand im Café, da lagen Löffel, aber eben nur eine begrenzte Zahl. Um das Leben einer Kranken zu verstehen, muss man sich der begrenzten Anzahl der Löffel sehr bewusst sein. Für jeden Löffel kann man eine Aktivität einplanen und wenn die Löffel alle weg sind, aber der Tag noch nicht zu Ende, ist das ziemlich doof, weil der Kranke dann keine Energie mehr hat. Das passiert mir oft. Zum Glück habe ich diesen wundervollen Mann, der mich regelmäßig rettet, indem er den Abendessenstisch abräumt und die Kinder ins Bett bringt, während ich nur mehr platt rumliege. Wichtig zu wissen ist, dass jegliche Aktivität Löffel "kostet", also aufstehen (1Löffel), anziehen (1Löffel), Frühstück machen (1 Löffel). Schon drei Löffel weg, da hat der Tag kaum begonnen. 




In Köln haben wir vormittags diese wunderbare Buchhandlung besucht und dort endlich mal wieder den Alten Griesgram getroffen. Um eins fing ich an zu quengeln und durfte heim, um Mittagspause zu machen. Eigentlich wäre ich gerne noch zur Stadtbücherei gegangen, um zu gucken, ob Mrs. Bing fleißig arbeitet, aber ich war einfach platt. Später, viel später sind wir noch durch die Flora spaziert und haben ziemlich leckeres Eis gegessen. Auf dem Heimweg trafen wir mir bis dato unbekannte, sehr nette Verlagskollegen, die fragten, was wir heute noch so machten (sie waren noch auf einer Party eingeladen) und ich dachte nur so: wie? Ich hab doch heute schon zwei Sachen gemacht! Das reicht doch wohl! 
Viele aus meiner Umgebung wissen das erst mal nicht, wie wenig Energie ich habe, weil man es mir nicht ansieht - ich sehe nicht krank aus. Aber die Chemotherapie macht auf Jahre schlapp und ich kann nur vermuten, dass die Doppelbelastung mit der Schwangerschaft ihr Übriges tat. Genauso haut das per se anstrengende Leben mit Kleinkind zusätzlich rein. Das ist nicht schlimm. Ich lebe gut damit, nur wollte ich es euch mal erzählen.

P.S.: ein Hoch auf meine Gastgeberin, die mir immer Raum für Pausen eingeräumt, mich toll umsorgt hat und mir nie das Gefühl gab, ein bisschen langweilig zu sein mit meinem erhöhten Ruhebedürfnis <3

Leben und Tod treffen sich zur Mammographie

Ich habe Alpträume, in denen mir meine Ärztin an der Uniklinik sagt, es sei ein tödlicher Fehler gewesen, dass ich nicht sofort zu ihr gekommen bin. Ich atme tief in den Bauch. 
Ich spüre Knoten in der Brust und hoffe, dass es nur der Lymphstau ist. Schnell zur Lymphdrainage. Atmen.
Bei der Meditation erspüre ich Verkrampfungen und Verspannungen im Bereich der Brust. Das Atmen tut weh und ich kann die Gedanken nicht abschütteln. 
Mein Mann sagt, ich sei sehr weit weg. 

Kurz: es ist Zeit für den etwas gründlicheren Halbjahrescheck-up der Brust und ich habe Angst. 
Noch fünf Tage durchhalten und dabei nicht durchdrehen. 
Das ist der einzige wirkliche Nachteil an meinem Schicksal, dass mir sonst so viel Gutes gebracht hat - das Leben mit der Todesangst.

Mittwoch, 16. März 2016

Kopftuch

Letztes und vorletztes Jahr habe ich wegen kalt am Kopf aufgrund des chemobedingten Haarverlusts gerne Kopfbedeckungen getragen. Meist ein Bandana-Tuch und darüber ne Beanie. Das sah zum Teil sehr Muslima-mäßig aus. Interessant war, dass Leute plötzlich anders auf mich reagierten. Sie grüßten nicht mehr und guckten so komisch. Argwöhnisch. Teils wurde ich auch komplett ignoriert.
Gerade eben sah ich wieder jemanden mit Kopftuch und merkte, dass mir das seither nicht so recht aus dem Kopf will, wie anders "wir" jemandem begegnen, nur weil er ein Kopftuch trägt. Weniger offen, weniger freundlich. Da gibt es Menschen bei uns, die verlangen, dass man in Deutschland kein Kopftuch tragen dürfen soll, wegen weil "unsere Kultur" und "alle gleich" und so. Und gerade dann ist es doch verwunderlich, wenn eben diese unsere Kultur, nämlich z.B. die Gepflogenheit, sich zu grüßen,  plötzlich vergessen wird, sobald jemand ein Kopftuch trägt. Von "uns" vergessen wird.



Vielleicht mache ich das mal wieder: ein Kopftuch tragen. Um zu sehen, ob sich etwas im Umgang mit Kopftuchträgerinnen geändert hat. Ein bisschen auch, um die Leute in ihrer Vorurteilerei zu verwirren. Und ganz vielleicht den ein oder anderen Gedanken anzustoßen. Denn der Anteil an Kopftüchern in unserer Gesellschaft steigt und wir lernen besser, damit umzugehen. D.h., die Kopftuchdamen nicht zu ignorieren, ihnen offen und freundlich begegnen, wie anderen eben auch. Das wünsche ich mir.